Aktuelles aus unserer
Psychotherapie-forschung

Aktuelles aus unserer Psychotherapieforschung

Julia Rosenbaum

Psychologin | wissenschaftliche Mitarbeiterin

ViP-USE: Vom pandemiebedingten Einsatz zur gezielten Nutzung der Videosprechstunde

ViP-USE: Vom pandemiebedingten Einsatz zur gezielten Nutzung der Videosprechstunde

Psychische Gesundheit ist längt mehr als ein individuelles Anliegen. Sie ist eine gesellschaftliche Aufgabe und eine zukunftsfähige psychotherapeutische Versorgung braucht wissenschaftlich fundierte Antworten. Deshalb ist Psychotherapieforschung ein wichtiger Bestandteil der MEU. Sie verbindet akademische Lehre, therapeutische Praxis und die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses.

Eine zentrale Frage ist dabei, wie digitale Werkzeuge dazu beitragen können, die psychotherapeutische Versorgung wirksam, effizient und bedarfsgerecht weiterzuentwickeln. Unter welchen Bedingungen können digitale Formate wie die Videosprechstunde, Online-Interventionen, digitale Gesundheitsanwendungen oder Virtual Reality die Versorgung sinnvoll ergänzen und wo entstehen neue Hürden oder Grenzen? Digitale Methoden sollen die persönliche Begegnung in der Psychotherapie dabei nicht ersetzen. Angesichts eines hohen Behandlungsbedarfs, langer Wartezeiten und unterschiedlicher Zugangsbarrieren ist vielmehr entscheidend, für wen, wann und unter welchen Bedingungen digitale Angebote eine sinnvolle Ergänzung der Präsenzpsychotherapie darstellen können.

Im Forschungsprojekt ViP – Videobasierte ambulante Psychotherapie wird untersucht, unter welchen Bedingungen digitale Formate wie Videosprechstunden oder Virtual Reality die Psychotherapie sinnvoll ergänzen können – und wo ihre Grenzen liegen. 

Ein Teil dieses Forschungsprojekts ist ViP-USE – Videobasierte ambulante Psychotherapie in der psychotherapeutischen Versorgung: die Nutzung der Videosprechstunde. ViP-USE untersucht über mehrere Jahre hinweg, wie niedergelassene Psychotherapeut:innen Videosprechstunden einsetzen, wie sie deren therapeutische Möglichkeiten bewerten und welche Faktoren darüber entscheiden, ob und in welchem Umfang das Format dauerhaft in der ambulanten Versorgung genutzt wird.

Wissenschaftliche Verantwortung und Kooperation

Die Projektleitung von ViP-USE liegt bei Prof. Dr. Michael Spaeth. Julia Rosenbaum ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der MEU und Doktorandin an der Universität Bern. Die Koordination der ViP-USE-Studie ist Teil ihres Promotionsvorhabens. Die wissenschaftliche Betreuung der Promotion an der Universität Bern erfolgt durch Prof. Dr. Thomas Berger, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie und Experte für digitale Psychotherapie.

Die aktuelle wissenschaftliche Publikation entstand in dieser Kooperation. Autor:innen sind Julia Rosenbaum, Prof. Dr. Thomas Berger, Jana Schneider und Prof. Dr. Michael Spaeth. Das Forschungsprojekt wird durch Drittmittel der AOK Sachsen-Anhalt finanziert. Die Drittmittelgeberin war nicht an Studiendesign, Datenerhebung, statistischer Analyse, Interpretation der Ergebnisse oder Erstellung der wissenschaftlichen Publikation beteiligt. Die wissenschaftliche Publikation ist kürzlich im Journal of Medical Internet Research erschienen.

Rosenbaum, J., Berger, T., Schneider, J., & Spaeth, M. (2026).
Postpandemic Use of Video-Based Psychotherapy Among German Outpatient Psychotherapists: Repeated Cross-Sectional and Partially Longitudinal Survey Study. Journal of Medical Internet Research, 28, e82972. doi: 10.2196/82972

Zur wissenschaftlichen Publikation

ViP-USE: Was bleibt von der Videosprechstunde nach der Pandemie?

Psychotherapie per Video war in Deutschland bereits vor der COVID-19-Pandemie möglich. In der ambulanten Versorgung wurde sie zunächst jedoch nur selten eingesetzt. Auch wenn während der Pandemie ambulante Psychotherapie weiterhin in Präsenz stattfinden konnte, machten Kontaktbeschränkungen und das Ziel, persönliche Begegnungen zu reduzieren, die Videosprechstunde besonders relevant. Innerhalb kurzer Zeit wurde die Videosprechstunde für viele Psychotherapeut:innen zu einer Möglichkeit, laufende Behandlungen auch ohne persönlichen Kontakt in der Praxis fortzuführen. Die Pandemie führte damit zu einem deutlichen Anstieg der Nutzung videobasierter Psychotherapie.

Doch was passiert, wenn dieser äußere Anlass wegfällt? Wird die Videosprechstunde wieder aufgegeben? Wird sie dauerhaft genutzt? Und wovon hängt es ab, ob Psychotherapeut:innen die Videosprechstunde als sinnvolle Ergänzung ihrer therapeutischen Arbeit ansehen? Genau hier setzt die ViP-USE Studie an. In ViP-USE untersuchten wir, ob und unter welchen Bedingungen sich die Videosprechstunde nach der COVID-19-Pandemie dauerhaft in der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung etabliert. Dafür verbindet die Studie vier Perspektiven:

Welche Faktoren beeinflussen die Absicht von Psychotherapeut:innen, Videosprechstunden zukünftig zu nutzen, und welche Faktoren sagen die tatsächliche Nutzung nach der Pandemie voraus?

Zusammen ermöglichen diese Perspektiven ein differenziertes Verständnis davon, wie Technologieakzeptanz, wahrgenommene therapeutische Qualität, bisherige Erfahrungen und Unterschiede zwischen Psychotherapeut:innen die langfristige Nutzung der Videosprechstunde in der ambulanten Versorgung beeinflussen.

Wie wurde die Videosprechstunde untersucht?

Die Studie kombiniert wiederholte Querschnittserhebungen mit einem längsschnittlichen Studienteil. Niedergelassene Psychotherapeut:innen wurden erstmals zwischen Juli 2020 und Januar 2021 während der COVID-19-Pandemie befragt. Die zweite Erhebung fand zwischen März und Mai 2024 statt, nachdem die pandemiebedingten Einschränkungen aufgehoben worden waren.

An der zweiten Befragung nahmen 296 Psychotherapeut:innen teil. 117 von ihnen hatten bereits an der ersten Erhebung teilgenommen. Bei dieser Teilstichprobe kann deshalb untersucht werden, wie sich Nutzung, Einstellungen und Erfahrungen innerhalb derselben Personen über die Zeit verändert haben.

Erfasst wurden unter anderem die Nutzungshäufigkeit, Gründe für und gegen die Videosprechstunde, die wahrgenommene therapeutische Wirksamkeit, zentrale therapeutische Wirkmechanismen sowie die Akzeptanz der Technologie. Zusätzlich wurde untersucht, ob sich unterschiedliche Akzeptanzprofile unter Psychotherapeut:innen identifizieren lassen.

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Die wichtigsten Ergebnisse der Studie

1. Die Videosprechstunde ist geblieben – ihre Nutzung ist aber deutlich selektiver geworden

Nach der Pandemie nutzen viele Psychotherapeut:innen die Videosprechstunde weiter. Sie wird aber selektiver und ergänzend eingesetzt.

68,2 % der befragten Psychotherapeut:innen berichteten auch für die Zeit nach der Pandemie eine Nutzung der Videosprechstunde. Damit liegt die Verbreitung weiterhin deutlich über dem Niveau vor der Pandemie.

Die Intensität der Nutzung ging allerdings stark zurück. In der längsschnittlichen Teilstichprobe wurden während der ersten Pandemiewelle durchschnittlich 5,81 Videositzungen pro Woche durchgeführt. In der zweiten Pandemiewelle waren es 3,43 und nach der Pandemie noch 1,51 Sitzungen pro Woche.

Die Videosprechstunde ist damit nicht zum dominierenden Behandlungsformat geworden. Vielmehr scheint sie sich als selektiv eingesetzte Ergänzung der Präsenztherapie etabliert zu haben.

2. Die Gründe für die Nutzung haben sich verändert

Während der Pandemie stand der Infektionsschutz im Vordergrund. Danach wurden praktische und patientenbezogene Gründe wichtiger.

Während der Pandemie war die Nutzung stark durch äußere Bedingungen und den Infektionsschutz geprägt. Nach dem Ende der Einschränkungen rückten dagegen praktische und patient:innenbezogene Gründe stärker in den Vordergrund.

Besonders deutlich zeigte sich dies beim Wunsch der Patient:nnen nach Videositzungen, der im längsschnittlichen Vergleich an Bedeutung gewann. Nach der Pandemie wurden außerdem die Vermeidung von Terminausfällen, flexiblere Krisentermine und eine größere Flexibilität der therapeutischen Arbeit häufig als Gründe für den Einsatz genannt.

Damit verändert sich die Funktion der Videosprechstunde: Sie wird weniger durch eine Ausnahmesituation bestimmt und stärker danach ausgewählt, ob sie für eine konkrete Behandlungssituation einen praktischen oder therapeutischen Mehrwert bietet.

3. Für die Akzeptanz ist therapeutische Qualität wichtiger als technische Bequemlichkeit

Psychotherapeut:innen nutzen die Videosprechstunde eher weiter, wenn sie davon ausgehen, dass gute therapeutische Arbeit auch per Video möglich ist.

Ein zentraler Befund betrifft die Frage, warum Psychotherapeut:innen die Videosprechstunde weiterhin nutzen möchten. Entscheidend war vor allem die Erwartung, dass per Video qualitativ gute psychotherapeutische Arbeit möglich ist. Diese sogenannte Therapiequalitätserwartung war der stärkste Prädiktor für die Absicht, Videosprechstunden zukünftig einzusetzen.

Technische Bedienbarkeit, professionelle Unterstützung und das soziale Umfeld spielten ebenfalls eine Rolle, waren jedoch weniger bedeutsam. Praktische Bequemlichkeit erklärte die Nutzungsabsicht dagegen nicht zusätzlich. Für die Akzeptanz der Videosprechstunde ist damit entscheidend, ob Psychotherapeut:innen das Format als klinisch sinnvoll und mit guter psychotherapeutischer Arbeit vereinbar erleben.

4. Viele Psychotherapeut:nnen sehen therapeutische Grenzen – Nutzer:innen bewerten Video günstiger

Viele Psychotherapeut:innen schätzen die Videosprechstunde weniger wirksam ein als Präsenztherapie. Wer selbst häufiger mit Video arbeitet, bewertet das Format jedoch deutlich positiver. Die meisten Psychotherapeut:innen sind allerdings weiterhin ambivalent.

Insgesamt schätzten die Befragten die Videosprechstunde als weniger wirksam als Psychotherapie in Präsenz ein. Nur rund 35,8 % waren der Ansicht, dass zentrale therapeutische Wirkmechanismen per Video insgesamt vergleichbar gut unterstützt werden können. Besonders häufig wurden Einschränkungen bei der therapeutischen Beziehung, der Problemaktualisierung und der motivationalen Klärung gesehen.

Dabei zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen Psychotherapeut:innen: Von den Nutzer:innen bewerteten 45 % die zentralen Wirkmechanismen als vergleichbar gut umsetzbar, bei den Nicht-Nutzer:innen waren es lediglich 16 %.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Bewertung eng mit eigener Erfahrung und therapeutischer Passung verbunden ist.

5. Es gibt nicht nur Befürworter:innen und Gegner:innen

Die größte Gruppe der Psychotherapeut:innen zeigte ein ambivalentes Akzeptanzprofil.

Die Einstellungen der Psychotherapeut:innen ließen sich in drei unterschiedliche Akzeptanzprofile einteilen. Rund ein Drittel zeigte eine hohe Akzeptanz der Videosprechstunde, knapp ein Viertel eine deutlich skeptische Haltung. Die größte Gruppe lag jedoch dazwischen: 44,5 % der Psychotherapeut:innen zeigten ein mittleres beziehungsweise ambivalentes Akzeptanzprofil.

Dieses Ergebnis ist für die Implementierung besonders relevant. Psychotherapeut:innen unterscheiden sich nicht einfach in Nutzer:innen und Nicht-Nutzer:innen. Vielmehr bestehen unterschiedliche Kombinationen aus Erfahrungen, Erwartungen, therapeutischen Einschätzungen und Wissen über die Rahmenbedingungen.

 

Was bedeuten die Ergebnisse für die psychotherapeutische Versorgung?

Die Ergebnisse sprechen für einen klinisch differenzierten Einsatz der Videosprechstunde. Die Videosprechstunde ist weder automatisch ein Ersatz für Präsenztherapie noch grundsätzlich ungeeignet für die psychotherapeutische Behandlung. Entscheidend ist vielmehr, für welche Patient:innen, in welcher Behandlungssituation und mit welchem therapeutischen Ziel eine Videositzung sinnvoll ist. Dabei sollten wissenschaftliche Evidenz, klinische Einschätzung, Sicherheit, technische Voraussetzungen und die Präferenzen der Patient:innen gemeinsam berücksichtigt werden.

Digitale psychotherapeutische Kompetenz geht über Technik hinaus

Für Fort- und Weiterbildung folgt daraus, dass technische Einweisungen allein nicht ausreichen. Psychotherapeut:innen benötigen Kompetenzen für die therapeutische Arbeit im digitalen Raum. Dazu gehören beispielsweise der Umgang mit reduzierten nonverbalen Informationen, die Gestaltung therapeutischer Präsenz über Video, die Anpassung konkreter Interventionen und die Einschätzung, wann ein Wechsel zwischen Präsenz- und Videositzung sinnvoll sein kann. Gerade Psychotherapeut:innen mit ambivalenter Haltung könnten von praxisnaher, fallbezogener Fortbildung und Supervision profitieren.

Klare Rahmenbedingungen erleichtern einen verantwortungsvollen Einsatz

Auch regulatorische Bedingungen spielen eine Rolle. Eine größere Kenntnis der geltenden Vorgaben war mit der Nutzung der Videosprechstunde verbunden. Informationen zu Abrechnung, Datenschutz, zertifizierten Plattformen und Qualitätsanforderungen sollten deshalb klar und klinisch anwendbar vermittelt werden. Gute Rahmenbedingungen sollten Sicherheit gewährleisten und gleichzeitig einen therapeutisch sinnvollen Einsatz ermöglichen.

Wie geht es mit ViP-USE weiter?

Die quantitative Befragung bildet nur einen Teil des Forschungsprojekts ab. Ergänzend wurden problemzentrierte Interviews mit Nutzer:innen und Nicht-Nutzer:innen der Videosprechstunde geführt.

Dabei geht es stärker um die konkrete therapeutische Erfahrung: Was verändert sich im Kontakt per Video? Welche Interventionen lassen sich gut übertragen und welche weniger? Welche Vorteile entstehen möglicherweise dadurch, dass Patient:innen sich in ihrer eigenen Umgebung befinden? Welche Bedenken führen dazu, dass Psychotherapeut:innen das Format nicht einsetzen?

Mit den qualitativen Ergebnissen wollen wir erklären und vertiefen, was in der quantitativen Befragung sichtbar geworden ist. Darüber hinaus werden im Forschungsverbund ViP – Videobasierte ambulante Psychotherapie weitere digitale Ansätze untersucht. Dazu gehören unter anderem Virtual Reality in der Behandlung von Angststörungen sowie Gruppenpsychotherapie per Video bei Depression.

Ziel dieser Forschungsarbeiten ist nicht, die persönliche Begegnung in der Psychotherapie durch digitale Technologien zu ersetzen. Wir wollen herausfinden, wie digitale Werkzeuge gezielt eingesetzt werden können, um eine qualitativ hochwertige, zugängliche und zukunftsfähige psychotherapeutische Versorgung zu unterstützen.

Dank und Drittmittelfinanzierung

Ein besonderer Dank gilt den teilnehmenden Psychotherapeut:innen, die mit ihrer Zeit und ihren Erfahrungen die Durchführung der Studie ermöglicht haben. Das Forschungsprojekt ViP-USE wird durch Drittmittel der AOK Sachsen-Anhalt finanziert. Die wissenschaftliche Durchführung und Auswertung erfolgen unabhängig von der Drittmittelgeberin.

ERI – Empowerment Research Institute

Vor dem Hintergrund wachsender Forschungsaktivitäten wurde das ERI (Empowerment Research Institute) gegründet. Über das ERI werden zukünftig weitere Forschungsprojekte umgesetzt, die innovative Versorgungsansätze wissenschaftlich untersuchen und zur Weiterentwicklung psychotherapeutischer Versorgung beitragen.