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Psychische Gesundheit ist längt mehr als ein individuelles Anliegen. Sie ist eine gesellschaftliche Aufgabe und eine zukunftsfähige psychotherapeutische Versorgung braucht wissenschaftlich fundierte Antworten. Deshalb ist Psychotherapieforschung ein wichtiger Bestandteil der MEU. Sie verbindet akademische Lehre, therapeutische Praxis und die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses.
Eine zentrale Frage ist dabei, wie digitale Werkzeuge dazu beitragen können, die psychotherapeutische Versorgung wirksam, effizient und bedarfsgerecht weiterzuentwickeln. Unter welchen Bedingungen können digitale Formate wie die Videosprechstunde, Online-Interventionen, digitale Gesundheitsanwendungen oder Virtual Reality die Versorgung sinnvoll ergänzen und wo entstehen neue Hürden oder Grenzen? Digitale Methoden sollen die persönliche Begegnung in der Psychotherapie dabei nicht ersetzen. Angesichts eines hohen Behandlungsbedarfs, langer Wartezeiten und unterschiedlicher Zugangsbarrieren ist vielmehr entscheidend, für wen, wann und unter welchen Bedingungen digitale Angebote eine sinnvolle Ergänzung der Präsenzpsychotherapie darstellen können.
Im Forschungsprojekt ViP – Videobasierte ambulante Psychotherapie wird untersucht, unter welchen Bedingungen digitale Formate wie Videosprechstunden oder Virtual Reality die Psychotherapie sinnvoll ergänzen können – und wo ihre Grenzen liegen.
Ein Teil dieses Forschungsprojekts ist ViP-USE – Videobasierte ambulante Psychotherapie in der psychotherapeutischen Versorgung: die Nutzung der Videosprechstunde. ViP-USE untersucht über mehrere Jahre hinweg, wie niedergelassene Psychotherapeut:innen Videosprechstunden einsetzen, wie sie deren therapeutische Möglichkeiten bewerten und welche Faktoren darüber entscheiden, ob und in welchem Umfang das Format dauerhaft in der ambulanten Versorgung genutzt wird.
Die Projektleitung von ViP-USE liegt bei Prof. Dr. Michael Spaeth. Julia Rosenbaum ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der MEU und Doktorandin an der Universität Bern. Die Koordination der ViP-USE-Studie ist Teil ihres Promotionsvorhabens. Die wissenschaftliche Betreuung der Promotion an der Universität Bern erfolgt durch Prof. Dr. Thomas Berger, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie und Experte für digitale Psychotherapie.
Die aktuelle wissenschaftliche Publikation entstand in dieser Kooperation. Autor:innen sind Julia Rosenbaum, Prof. Dr. Thomas Berger, Jana Schneider und Prof. Dr. Michael Spaeth. Das Forschungsprojekt wird durch Drittmittel der AOK Sachsen-Anhalt finanziert. Die Drittmittelgeberin war nicht an Studiendesign, Datenerhebung, statistischer Analyse, Interpretation der Ergebnisse oder Erstellung der wissenschaftlichen Publikation beteiligt. Die wissenschaftliche Publikation ist kürzlich im Journal of Medical Internet Research erschienen.
Rosenbaum, J., Berger, T., Schneider, J., & Spaeth, M. (2026).
Postpandemic Use of Video-Based Psychotherapy Among German Outpatient Psychotherapists: Repeated Cross-Sectional and Partially Longitudinal Survey Study. Journal of Medical Internet Research, 28, e82972. doi: 10.2196/82972
Psychotherapie per Video war in Deutschland bereits vor der COVID-19-Pandemie möglich. In der ambulanten Versorgung wurde sie zunächst jedoch nur selten eingesetzt. Auch wenn während der Pandemie ambulante Psychotherapie weiterhin in Präsenz stattfinden konnte, machten Kontaktbeschränkungen und das Ziel, persönliche Begegnungen zu reduzieren, die Videosprechstunde besonders relevant. Innerhalb kurzer Zeit wurde die Videosprechstunde für viele Psychotherapeut:innen zu einer Möglichkeit, laufende Behandlungen auch ohne persönlichen Kontakt in der Praxis fortzuführen. Die Pandemie führte damit zu einem deutlichen Anstieg der Nutzung videobasierter Psychotherapie.
Doch was passiert, wenn dieser äußere Anlass wegfällt? Wird die Videosprechstunde wieder aufgegeben? Wird sie dauerhaft genutzt? Und wovon hängt es ab, ob Psychotherapeut:innen die Videosprechstunde als sinnvolle Ergänzung ihrer therapeutischen Arbeit ansehen? Genau hier setzt die ViP-USE Studie an. In ViP-USE untersuchten wir, ob und unter welchen Bedingungen sich die Videosprechstunde nach der COVID-19-Pandemie dauerhaft in der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung etabliert. Dafür verbindet die Studie vier Perspektiven:
Welche Faktoren beeinflussen die Absicht von Psychotherapeut:innen, Videosprechstunden zukünftig zu nutzen, und welche Faktoren sagen die tatsächliche Nutzung nach der Pandemie voraus?
Zusammen ermöglichen diese Perspektiven ein differenziertes Verständnis davon, wie Technologieakzeptanz, wahrgenommene therapeutische Qualität, bisherige Erfahrungen und Unterschiede zwischen Psychotherapeut:innen die langfristige Nutzung der Videosprechstunde in der ambulanten Versorgung beeinflussen.
Die Studie kombiniert wiederholte Querschnittserhebungen mit einem längsschnittlichen Studienteil. Niedergelassene Psychotherapeut:innen wurden erstmals zwischen Juli 2020 und Januar 2021 während der COVID-19-Pandemie befragt. Die zweite Erhebung fand zwischen März und Mai 2024 statt, nachdem die pandemiebedingten Einschränkungen aufgehoben worden waren.
An der zweiten Befragung nahmen 296 Psychotherapeut:innen teil. 117 von ihnen hatten bereits an der ersten Erhebung teilgenommen. Bei dieser Teilstichprobe kann deshalb untersucht werden, wie sich Nutzung, Einstellungen und Erfahrungen innerhalb derselben Personen über die Zeit verändert haben.
Erfasst wurden unter anderem die Nutzungshäufigkeit, Gründe für und gegen die Videosprechstunde, die wahrgenommene therapeutische Wirksamkeit, zentrale therapeutische Wirkmechanismen sowie die Akzeptanz der Technologie. Zusätzlich wurde untersucht, ob sich unterschiedliche Akzeptanzprofile unter Psychotherapeut:innen identifizieren lassen.
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Die Ergebnisse sprechen für einen klinisch differenzierten Einsatz der Videosprechstunde. Die Videosprechstunde ist weder automatisch ein Ersatz für Präsenztherapie noch grundsätzlich ungeeignet für die psychotherapeutische Behandlung. Entscheidend ist vielmehr, für welche Patient:innen, in welcher Behandlungssituation und mit welchem therapeutischen Ziel eine Videositzung sinnvoll ist. Dabei sollten wissenschaftliche Evidenz, klinische Einschätzung, Sicherheit, technische Voraussetzungen und die Präferenzen der Patient:innen gemeinsam berücksichtigt werden.
Für Fort- und Weiterbildung folgt daraus, dass technische Einweisungen allein nicht ausreichen. Psychotherapeut:innen benötigen Kompetenzen für die therapeutische Arbeit im digitalen Raum. Dazu gehören beispielsweise der Umgang mit reduzierten nonverbalen Informationen, die Gestaltung therapeutischer Präsenz über Video, die Anpassung konkreter Interventionen und die Einschätzung, wann ein Wechsel zwischen Präsenz- und Videositzung sinnvoll sein kann. Gerade Psychotherapeut:innen mit ambivalenter Haltung könnten von praxisnaher, fallbezogener Fortbildung und Supervision profitieren.
Auch regulatorische Bedingungen spielen eine Rolle. Eine größere Kenntnis der geltenden Vorgaben war mit der Nutzung der Videosprechstunde verbunden. Informationen zu Abrechnung, Datenschutz, zertifizierten Plattformen und Qualitätsanforderungen sollten deshalb klar und klinisch anwendbar vermittelt werden. Gute Rahmenbedingungen sollten Sicherheit gewährleisten und gleichzeitig einen therapeutisch sinnvollen Einsatz ermöglichen.
Die quantitative Befragung bildet nur einen Teil des Forschungsprojekts ab. Ergänzend wurden problemzentrierte Interviews mit Nutzer:innen und Nicht-Nutzer:innen der Videosprechstunde geführt.
Dabei geht es stärker um die konkrete therapeutische Erfahrung: Was verändert sich im Kontakt per Video? Welche Interventionen lassen sich gut übertragen und welche weniger? Welche Vorteile entstehen möglicherweise dadurch, dass Patient:innen sich in ihrer eigenen Umgebung befinden? Welche Bedenken führen dazu, dass Psychotherapeut:innen das Format nicht einsetzen?
Mit den qualitativen Ergebnissen wollen wir erklären und vertiefen, was in der quantitativen Befragung sichtbar geworden ist. Darüber hinaus werden im Forschungsverbund ViP – Videobasierte ambulante Psychotherapie weitere digitale Ansätze untersucht. Dazu gehören unter anderem Virtual Reality in der Behandlung von Angststörungen sowie Gruppenpsychotherapie per Video bei Depression.
Ziel dieser Forschungsarbeiten ist nicht, die persönliche Begegnung in der Psychotherapie durch digitale Technologien zu ersetzen. Wir wollen herausfinden, wie digitale Werkzeuge gezielt eingesetzt werden können, um eine qualitativ hochwertige, zugängliche und zukunftsfähige psychotherapeutische Versorgung zu unterstützen.
Ein besonderer Dank gilt den teilnehmenden Psychotherapeut:innen, die mit ihrer Zeit und ihren Erfahrungen die Durchführung der Studie ermöglicht haben. Das Forschungsprojekt ViP-USE wird durch Drittmittel der AOK Sachsen-Anhalt finanziert. Die wissenschaftliche Durchführung und Auswertung erfolgen unabhängig von der Drittmittelgeberin.
Vor dem Hintergrund wachsender Forschungsaktivitäten wurde das ERI (Empowerment Research Institute) gegründet. Über das ERI werden zukünftig weitere Forschungsprojekte umgesetzt, die innovative Versorgungsansätze wissenschaftlich untersuchen und zur Weiterentwicklung psychotherapeutischer Versorgung beitragen.

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